Elisabeth von Samsonow

Paradies

Einleitende Worte zu einer Ausstellung von Cajetan Gril

ParadiesDie Paradiesssehnsucht, der Paradieswunsch, der Paradiestraum beschreiben wellenförmige Bewegungen durch die Zeiten. Einmal ist das Paradies das zugleich verlorene und immer ersehnte Jenseits, in welchem die große Belohnung für die Härte des irdischen Daseins stattfindet. Und dann aber lässt sich sehen, dass es auch Tendenzen gegeben hat und gibt, das Paradies ins Diesseits zu verlegen, es als Aspekt der Welt selbst zu sehen. Das Paradies wird aus Diesseitigem und Jenseitigem moduliert.

Wenn das Diesseitige überwiegt, wie das heute in einer weitgehend laizistischen Gesellschaft der Fall ist, wächst den Individuen wieder eine größere Verantwortung in Bezug auf die Verwirklichung des Paradieses zu. Zur Bedeutung, die das politische und soziale Geschehen für die Ausbildung einer Paradiesvorstellung haben kann, treten die Möglichkeiten, die der Einzelne in der Herstellung seines eigenen Paradieses besitzt. Dieser Einzelne wird mit Hilfe der seine Wirklichkeit von Innen her antreibenden Macht der Phantasie und der Imagination das Paradies herbeizuholen suchen. Der Einzelne wird die Gespinste seiner sehnsüchtigen Imagination verdichten wollen und ins Dasein manövrieren. Deshalb ist die Paradiesfrage nicht nur eine theologische, sondern immer eindeutig auch eine künstlerische gewesen. Die künstlerische Produktion darf sich in ihrer Paradieskompetenz als wahrhaftig kreativ begreifen, als Arbeit als Zünglein an der Waage, welches die Erdenlast ins Heitere und Schöne zieht.

Über Umwege sind uns Texte erhalten geblieben, die eine altiranische Vorstellung von der Beschaffenheit des Paradieses überliefern. Nicht nur, dass in diesem Paradies die schönsten Quellen aufspringen, die wundervollsten Vögel auf herrliche geformten Bäumen jubilieren, welche die köstlichsten Früchte hervorbringen, und sanfte Tiere in ornamentiertem und glänzendem Fell-, Feder- oder Hautkleid erhobenen Hauptes stolzieren oder hingebungsvoll weiden. Es ist auch so, dass just dieses Paradies, wie es die Meister nicht müde werden zu erklären, im Körper des Menschen selbst zu einer wunderbaren Gestaltung offen da liegt. Da heißt es: „Hast du nicht gehört, dass der Lehm, aus welchem der Fromme gemacht ist, von der Erde des Paradieses genommen ist?.....Vom ersten Tag an wurde jedem auch der Letzte Tag gegeben…Das Paradies des Frommen ist sein eigener Leib. Seine guten Taten sind…seine Bäume, frisches schäumendes Wasser und wie Schlösser…Vielleicht wunderst du dich, wie der Leib des Frommen, dieser hinfällige menschliche Leib, ein Paradies sein kann, wenn dem Frommen doch ein Paradies versprochen worden ist, welches tausend Mal so groß sein soll wie diese Welt?“

Wir sehen da die bemerkenswerte Demokratisierung, ja sogar eine Autonomisierung des Paradieses in der Handlungsfreiheit des Einzelnen dargestellt. Der Druck, abzureisen, in das schönere Jenseits zu gelangen, lässt nach, ebbt ab. Dem Befehl, abzureisen, wird der Imperativ gegenübergestellt: BLEIBT DA! KOMMT HIER AN!

Und es gibt zwei Nachrichten durchzusagen, wie immer eine gute und eine schlechte. Die gute Nachricht zuerst: es GIBT ein Paradies! Die schlecht: wir sind schon DARIN.

Und hier wird der Meister der oben zitierten altiranischen Paradieslehre die kreative und aktive Macht der Imagination herausstreichen, die den Dingen erst ihre Form gibt, sie Wirklichkeit werden läßt. Alle Menschen, so heißt es, sind die Produzenten ihres Paradieses, aber auch, ihrer persönlichen Hölle. Er sagt: “Die Macht der Imagination ist zweifelsohne der Seele eingeboren, und es ist ein Organ von so großer Schaffenskraft wie es die Hand für den Körper ist.“

Durch die Aufklärung kam es in Europa zu einer Bewegung, die man in der Philosophie als systematische Diesseitigkeit oder als Immanentismus bezeichnet. Man fing an, die Jenseitsphantasien zu verdächtigen, nur eine Ventilfunktion für ein unter Überdruck geratenes Gesellschaftssystem zu haben und ansonsten nichts als leere Versprechungen zu sein. Wo die ewige Belohnung zweifelhaft wurde, fing man unmittelbar an, mit den neuen Mitteln der technischen und industriellen Revolution die Welt selbst umzubauen: man wollte Fahren, Fliegen, Verdienen, im Hier und Jetzt. Zuerst schrumpfte die Jenseitsfahrt zu einer Urlaubsreise zusammen, und man ließ sich von paradieshaltigen Photographien endloser Sandstrände, Palmen und sich räkelnder Frauen zum Aufbruch verführen. Neuerdings propagiert man, unter dem Eindruck eines weiteren, jähen Schubes an Immanentismus, die Umgestaltung der Wohnung zum mit Feng Shui bereinigten Tempel und legt sich dort, wo einst die Koniferen ihre pflegeleichte Existenz führten, ein Paradiesgärtlein an, was den Baumärkten im Gartensegment einen beispiellosen Boom beschert. Das diesseitige Paradies diktiert die Accessoires des outdoor Arrangements: Long drink, Deck chair, Toskanische Blumentöpfe mit Buchs, Banane, Lorbeer und natürlich Feige. Angekommen in der wellness, wollen wir im warmen Wasser dümpeln. Der rasende Stillstand ist erreicht, die totale Abreise im Hier und Jetzt vollzogen. In dieser Situation bekommt das, was die iranischen Meister zum Paradies zu sagen hatten, wieder Gewicht.

Nicht die Kollektive der Verdammten und Erlösten, die in namenloser Zahl die Darstellungen des Jüngsten Gerichtes bevölkern, sondern den Einzelnen und sein Eigentum sieht man als Chance für eine bessere Welt aufziehen. Die einzelnen Beiträge zur Selbstverklärung und Weltverbesserung werden nicht verlacht und verhöhnt, sondern prämiiert und mit Laudationes gekrönt: Um ideenreiche Einreichungen wird gebeten. Das heißt, dass die persönliche Verantwortung wächst, wo vorher das allgemeine Anheimgefallensein an eine kosmische Lob-und Strafmaschinerie gewesen war.

Und wir lassen uns gerne auf die Voraussetzung ein, dass es nur die Karriere der Erde selbst sein kann, die uns in die Phantasien eines diesseitigen Paradieses hineinzieht. Nichts ist so schön, wie die feine, die selige, die lebendige Erde, in ihren Armen wollen wir liegen, ihr Gesumm soll uns durchdringen. Wir bekennen uns zur Erdfresserei, zur Geophagie, zu unserem Dasein als Erdlinge. Wir machen die Trennung, die uns die Wahrheit des Gartens vorenthalten hat, wieder rückgängig. Alles Hier birgt ein vielfältiges Entzücken.

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