Elisabeth von Samsonow
Le jardin des lys
Installation für das Frauenmuseum Bonn
Skulptur
(Lindenholz bemalt, Höhe 93 cm), bemalte Jute, bemalte Teller
Auf Einladung von LILIUM
April 2006
Text zur Installation
Die Mumie bzw. der Leichnam mögen die Vorform der sich als haltbarer erweisenden Statuen gewesen sein oder nicht, sie nötigen einem auf jeden Fall eine Revision des Begriffes vom Tode ab. Denn wären sie nur als tot wie mausetot empfunden worden, hätte sich wohl niemals diese intensive offene Neugier und diese Fülle von Projektionen an sie geheftet. Das Totsein, um das es geht und das diesen nach modernem Verständnis »Widerspruch« einer exquisiten Körperkonserve hervorgebracht hat, ist eine Form der Privilegierung, und wenn noch dazu ein Opfer im Spiel ist, handelt es sich um das Kunstwerk einer Vergöttlichung. Es ist augenscheinlich, daß ein bestimmter Dualismus angenommen werden muß, aber es ist im Unterschied zu den Dualismen, die in der Philosophie en courant sind, nämlich etwa der Leib-Seele-Dualismus, ein Leib-Leib-Dualismus, der die Phantasie einer Welt beflügelt, die keinen Tod, nur den Leibwechsel kennt. Henri Corbin als linguistischer Hüter der Schwelle einschlägiger Texte, notiert in einer Fußnote zu den beiden einleitenden Kapiteln von « Terre céleste et corps de la réssurection » 1, in denen er insbesondere die Rolle des Erdengels, des Ange de la Terre oder mit Namen Spenta Armaiti 2 darlegt, daß diese starke Präsenz eines weiblichen Göttlichen, welches dabei erdhaft, gartenhaft und paradiesförmig ist, auf religiöse Vorstellungen, genauer an matriarchale Vorstellungen aus prä-aryanischer Zeit anschließt 3. Die historische Projektion, die sich in diese These ausdrückt, mag bezweifelbar sein 4. Gleichwohl können die von Corbin zur Verfügung gestellten Texte in der Absicht gelesen werden, eine Vertikale in eine bestimmte Auffassung der Kräfte des Körpers zu rekonstruieren. Die vermeintlich historische Tiefendimension lässt sich sehr wohl als begriffliche Schicht in ein Muster von Interpretamenten eintragen. In unserem Zusammenhang schließt die poetische und theoretische Behandlung des Erdkörpers, wie sie in den von Corbin präsentierten Texten zu vernehmen ist, einen bedeutenden Horizont auf. Denn erst mit der zentralen Rolle der Erde erklärt sich die hohe Wertschätzung des stofflichen Körpers bzw. des Körpers überhaupt. Der Ort, an dem die Seligkeit zu haben ist, hat wunderschönes Wasser, rätselhaft geformte Bäume, gewundene Wege und abwechslungsreiche Hügelketten zu bieten; in ihm zwitschert es und summt es, sitzen seltene Vögel mit prachtvollem Gefieder auf den Ästen, wachsen die köstlichsten Früchte an kräftigen Bäumen und duften herrliche Blüten in allen Formen und Farben. Dieser Ort heißt Xvarnah, das Paradies 5. Hier ist alles Nahrung und »Milieu«, aus dem die Körper »ausfallen« wie geronnene Milch.
“The paradise of the faithful believer is his own body.” 6
Anmerkungen
1 Correa 1960, der Untertitel lautet: « de l’Iran Mazdéen à l’Iran Shî’ite »
2 Joseph Pascher hatte, wie auch andere Theologen, alle Mühe, den weiblichen Charakter de Spenta Armaiti anzuerkennen. Er bezeichnet sie als »Barmherzigkeit Gottes« und entkleidet sie ihrer himmlischen Erdhaftigkeit, oder er erklärt sie gleich zu einem Wesen von männlicher Kraft, wenn er schreibt: es ist »die Sophia, deren männliche Kraft sich darin zeigt, dass sie ›in die Seelen sät und die Lehre zeugt‹ […] «, Joseph Pascher: Der Königsweg. Zu Wiedergeburt und Vergottung bei Philon von Alexandria. Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums, 17.Band, Paderborn 1931, S.213
3 Corbin bezieht sich auf J. Campbell: « Signalons encore que M. Joseph Campbell, l’éditeur des œuvres posthumes de Heinrich Zimmer, indiquait naguère comment on pourrait déceler dans la réforme dualiste zoroastrienne, la résurgence en Iran de facteurs religieux appartenant au monde matriarcal pré-aryen », ebda., p.86 (Fußnote 46). Vgl. H. Zimmer, Philosophies of India, New York 1951 (Bollingen Series,XXVI), pp.185-186, n.6
4 Walter Burkert schließt sich der Meinung an, die den orientalischen Ursprung der Mysterienreligionen anzweifelt. Es gebe keine Spur weder nach Anatolien, noch nach Ägypten oder in den Iran, s. die drei Stereotypen, die in Blick auf die Mysterien immer wieder geäußert werden, in Walter Burkert: Ancient Mystery Cults, Cambridge and London 1987, p.2f
5 Dementsprechend muß es auch eine himmlische Botanik geben, zu der Corbin ebenfalls ein Werk zitiert: J.J.Modi: The Religious Ceremonies and Customs of the Parsees, Bombay 1937 (2.Aufl.), S.373-337, in dem zu lesen steht, « notemment le diagramme fixant la manière de disposer les fleurs au nombre de huit, de les déplacer et de les échanger, pour symboliser les échanges entre le monde terrestre et le monde céleste », ebda., S.89 (Fußnote 73)
6 Shaik Muhammad Karim Khan Kirmani, Extract from “Spiritual Directives fort he Use of the Faithful” (d.1288/1870), zitiert nach Henri Corbin: Spiritual Body and Celestial Earth. From Mazdean Iran to Shi’ite Iran, translated by Nancy Pearson, Bollingen Series XCI:2, Princeton 1977, S.225
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